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Die Frau am Strand

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Am Strand, vielleicht drei, vier Schritte von der Wasserlinie entfernt, sitzt eine dicke Frau, nicht stattlich, nicht stabil, nicht vollschlank, nein, einfach nur dick. Sie hat ihre Beine in Richtung Wasser gerichtet und leicht gespreizt, um dem Oberkörper, der in einem blauen Badeanzug steckt, stabilen Halt zu geben.

Mit der rechten Hand versucht sie ein winziges rosa Schäufelchen in den Sand zu bohren, um mit dem Ergebnis dieser Fördermaßnahme ein ebenfalls rosafarbenes, niedliches Eimerchen zu füllen. Das Unterfangen gestaltet sich in zweierlei Hinsicht schwierig: zum einen kann sie den Eimer nicht sehen, weil er zu nah an ihrem Körper zwischen ihren Beinen steht und zum anderen sind ihre Schultern wesentlich schmaler als der Teil ihres Körpers, den die Schwerkraft nach unten und außen zieht und auf dem sie sitzt. Um das Schäufelchen tatsächlich in den Sand zu bekommen, beugt sie sich seitwärts, was an sich eine kluge Idee ist, in diesem Fall aber zu einer Massenverschiebung führt, die den „Arbeitsarm“ nur weiter nach oben drückt und so vom Ziel der Bemühungen entfernt. Sie müht sich und müht sich, aber es will einfach nicht gelingen und schließlich droht sie umzufallen, fängt sich aber im letzten Moment noch so gerade eben ab, indem sie eine kreisende Bewegung der oberen Massen mit unvermutet hoher Geschwindigkeit nach vorne vollführt.

Sie wirft das Schäufelchen einem Kind zu, das vor ihr zwischen Eimerchen und Flutsaum sitzt und raunzt es an: „Mach selber!“, dann lässt sie sich nach hinten fallen und liegt als unüberwindbares Hindernis für alle Strandläufer bewegungslos, einem schlafenden Walross nicht unähnlich, im Sand.

Das Kind beginnt, leise zu weinen.