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Die Muschel

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Am Strand treffe ich auf einen einzelnen, spielenden Jungen von vielleicht fünf Jahren. Weit und breit sind keine aufpassenden oder wenigstens zugehörigen Menschen auszumachen. Wobei: Weit und breit bedeutet auf dieser kleinen Insel höchstens In der Nähe . Sei’s drum, es sind jedenfalls keine Erziehungsberechtigten auszumachen.  Es muss sie aber geben, jene überbesorgten Eltern oder Großeltern, denn der Knabe wurde gegen das gesamte gefährliche UV-Alphabet einer unbarmherzig niederbrennenden Sonne mit reichlich Schutzkleidung versehen: Gelber Südwester-Hut mit weit herabreichender Nacken- und breiter Stirnkrempe, bunt gemustertes, mehrfach gewickeltes Halstuch, langärmeliges, mit Sicherheit strahlenfestes bis über die Knie reichendes Hemd und an den Füßen blaue Gummistiefel mit Blümchenmuster.

Er kniet, auf seinen Fersen sitzend mit dem Rücken zur Sonne im noch feuchten Sand des weichenden Flutsaums und gräbt mit einem kleinen, blauen Schäufelchen ein Loch, nicht besonders tief und ausladend aber wohlgeformt kreisrund.

 Von einem fein säuberlich gestapelten Häufchen Herzmuscheln neben sich, die erstaunlicherweise der Größe nach angeordnet sind, nimmt er die oberste – und damit kleinste, reinigt sie vorsichtig mit seinen kleinen Fingern und legt sie behutsam in die vorbereitete Vertiefung. Dann füllt er das Loch bedächtig mit Sand und glättet ihn rundherum mit der Hand. Dabei achtet er peinlich genau darauf, bloß nicht auf die Mitte zu drücken, wo die eingebuddelte liegt.

Als er mit seiner Arbeit zufrieden ist, nimmt er nacheinander die restlichen, gestapelten Muscheln und legt sie im Kreis sorgfältig in den Sand über der verschütteten.

„Warum hast du die eine vergraben?“, frage ich den kleinen Mann.

„Sie soll noch wachsen und wenn ich nächstes Jahr wiederkomme, hole ich sie wieder heraus.“ Er hebt den Kopf ein wenig und schaut mich kurz: „Darum habe ich ja auch die Stelle markiert.“ Und seine Stimme hat diesen kindlich vorwurfsvollen Unterton: Dass du das nicht weißt. Du bist doch schon groß.

„Ach so.“, sage ich, fühle mich ertappt und plötzlich so schrecklich weit weg von jener Zeit sorgenfreier Kindheit, „Mensch, dass ich darauf nicht gekommen bin … Viel Glück mit deiner Muschel. Nächstes Jahr ist sie bestimmt mächtig gewachsen.“

„Ja, ganz bestimmt.“