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Zwei Männer im Priel

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Heute weht ein leichter Südostwind. Das bedeutet sehr, sehr niedriges Niedrigwasser. Im Osten sind die gewaltigen Sandbänke begehbar und die knietiefen Priele laden zum Fische Ärgern ein.

In einem dieser meist flachen Strandseen – entstanden aus einer Laune der Naturgewalten – stehen, suchend Kopf und Oberkörper nach vorn gebeugt, ein Mann und ein halbwüchsiger Knabe. Irgendetwas unter der Oberfläche scheint ihre ganze Aufmerksamkeit zu beanspruchen.

Ein Strandwanderer nähert sich sichtlich neugierig, was die beiden im Wasser denn da so treiben. Am steil abfallenden Rand des Priels hält er inne. Fast einen Meter über den beiden im Meer stehend, die hochstehende Mittagssonne im Rücken, schaut er auf Vater und Sohn herab, zögert einen Augenblick, beginnt dann aber wie beiläufig ein Gespräch:

„Schön hier! Oder?“

Dabei hebt er seinen Arm in Brusthöhe, streckt ihn waagerecht aus und dreht ihn in dieser Lage, bis die Muskeln der großen Geste Einhalt gebieten. Seinen Blick lässt er dem ausgestreckten Arm folgen, wie es seinerzeit Winnetou tat, als er Frieden über die Prärie brachte. Ein erhebendes Schauspiel, vor allem von unten betrachtet.

Der Halbwuchs fühlt sich davon nicht angesprochen und starrt weiter ins Wasser, macht gelegentlich ein, zwei Schritte. Der Ältere aber hebt Rücken und Kopf, wendet sich dem Fremden zu und beschattet mit der Rechten seine Augen. Er sieht den ausgestreckten Arm und verkneift sich ein lautes Lachen:

„Ja, und wie. Ich kann nirgends meinen Akku so entspannt und nachhaltig für den Rest des Jahres aufladen wie hier.“

Die beiden Enthusiasten schauen schweigend in die Ferne, der oben ein paar Meter weiter, der unten nur bis zur nächsten Sandbank, die – hoch aus dem Wasser ragend – nur eine sehr begrenzte Sicht auf die Welt da draußen zulässt.

„Papa, hier ist was!“

„Was denn?“

„Weiß nicht, es zappelt.“

Der Mann beendet den gemeinsamen, stillschweigenden Genuss der Schönheit des Augenblicks und des Ortes mit dem Fremden durch ein entschuldigendes:

„Ich muss…“, hebt kurz den linken Arm, winkt und schiebt sich durchs knietiefe Wasser auf den rufenden Sohn zu, der inzwischen schon bis in die Mitte des Priels vorgedrungen ist. Nach einem prüfenden Blick bückt er sich und will das zappelnde Etwas mit beiden Händen aus dem Meer fischen.

Der Vater unterschätzt den Brechungswinkel des Wassers und greift ins Zappelfreie, folgt deshalb ruckartig mit Händen und Körper dem Zappelnden, gerät ins Taumeln, verliert das Gleichgewicht und landet der Länge nach bäuchlings im abgestandenen aber dennoch nur mäßig warmen Wasser der Nordsee. Die salzige Flüssigkeit wird spontan verdrängt und setzt sich daraufhin allseitig nach oben in Bewegung und überführt so auch den Sohn vom trockenen in den feuchten Zustand.

Und weil auch die beiden Betroffenen herzhaft lachen, hat keiner der zufälligen Zeugen ein schlechtes Gewissen, kräftig mitzulachen: Salzwasser-Slapstick vom Feinsten und ganz offensichtlich hat der aufgeladene Akku keinen Kurzschluss bekommen.